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Friedenspflicht

Auf den ersten Blick erscheint ein Profi-Heer innenpolitisch gefährlich.
Militär ist in jedem Fall etwas Unerfreuliches.
Die Aufgabe eines Militärs kann, moralisch korrekt,
nur kollektive Selbstverteidigung sein, vielleicht auch Beihilfe dazu.
D.h, ungerechte, von den Betroffenen unerwünschte,
auf Gewalt basierende Machtausübung zu verhindern.
Dies festzustellen kann aber fallweise sehr schwierig sein und
wiederum kontroversiell. Relativ eindeutige Szenarien lassen sich
z.B bei zwischenstaatlichen  Konflikten vorstellen.
Staats-Kriege, in die sich hochentwickelte Länder verstricken,

werden aber heute sowieso fast nur mehr durch den Einsatz
von Hightechwaffen entschieden und damit durch deren Verfügbarkeit.

Zwangsrekrutierung hat u.a. in Vietnam versagt,
Szenarien der Mobilmachung, in denen es auf die Größe der Heere
ankommt, werden mit dem technischen Fortschritt immer absurder.
Wenn man den männlichen Teil einer Population dezimiert,
erholt sich die Population binnen vielleicht 2 Generationen.
Aber darf denn so etwas zum Kalküll gehören?

Was für einen Sinn kann es außenpolitisch also noch haben,
wenn knapp die halbe (die männliche) Bevölkerung
zum organisierten Morden und Sterben eingeschult wird ?
Geht es da denn wirklich darum, sich auf den Kampf
gegen Angreifer vorzubereiten, welche zur Übung
imaginiert werden,
oder handelt es sich nicht vielmehr um einen finsteren, antiquierten
Ritus und autoritäre Lust ?

Der ursprünglich revolutionäre Gedanke der Volksbewaffnung
ist problematisch, angesichts der heutigen Waffentechnik aber sowieso obsolet.
Dabei ginge es aber darum, durch die Verteilung der Waffen
auf die gesamte Bevölkerung diese gegen Unterdrückungsversuche zu immunisieren.
Freilich ist auch dies innenpolitisch gefährlich,
aber bei der allgemeinen Wehrpflicht
handelt es sich um das gegenteilige Prinzip:
Die Waffen sind im Besitz des Militärs, dem die männliche Bevölkerung
fast vollständig zum Gehorsam verpflichtet wird.


Innenpolitisch erscheint es am ehesten realistich,
daß eine mündige Zivilgesellschaft ein
Profi-Heer politisch streng kontrolliert,
eher, als daß eine militärisch geschulte Bevölkerung sich durch Waffenkenntnis
mit oder ohne staatliche Führung, gegen eine etwa aufkommende Diktatur stellt.
Die Erfahrung zeigt ja mehr als deutlich,
daß Diktaturen und militaristische Mentalität zusammen gehören.


Daß das Prinzip Wehrdienst viel weniger kostet, als ein Profi-Heer 
erscheint nicht glaubwürdig. Denn das Bundesheer ist ja zu einem
sehr großen Teil eine Ausbildungsstätte und als solche ein riesiger Apparat.
Dabei geht es aber nur zu einem Teil um tatsächlichen Lehrinhalt,
zu einem anderen, vielleicht überwiegenden Teil, aber
um psychologische Verfügbarmachung. 
Nur die Entlohnung der
Grundwehrdiener ist ein geringer Kostenfaktor.
Die jungen Männer könnten die verlorenen Monate bestimmt besser nutzen,
für sich und die Gesellschaft. 
Also sind die wirklichen Kosten des ganzen Vorgangs um Vieles höher
als das eigentliche Wehrbudget.
Da aber diese Wehrschüler nur ein geringes militärische Potential darstellen,
müßten im Bedarfsfall
von den Betreibern dieser Schule Reservisten einberufen werden,
also Absolventen dieser Ausbildung.
Dieses Konstrukt scheint zur Erwartung eines großen, traditionellen Krieges zu passen.
Bei kleineren Grenzkonflikten (ebenso unrealistisch), eher aber UNO-Friedensmissionen
u dgl erscheint eine kleine Zahl Profis wesentlich geeigneter.   
 
Wehrpflicht ist Relikt überwunden gehoffter, primitiverer Gesellschaftszustände,
im Grunde menschenrechtswidrig, Relikt von Sklaverei, Leibeigenschaft und Faschismus.
[Fußnote]  (enthält auch wichtigen Text!)

Und was da eingeübt wird, ist das Falscheste, was man als Mensch üben kann:
Das Handeln als Marionette,
fundamentaler Verzicht auf Selbstbestimmtheit,
und damit Abwendung von der individuellen Verantwortung,
das Denken mit Begriffen wie "Befehl" und "Gehorsam",
die Akzeptanz von Morden und Sterben im Zustand kollektiver Regression.

Es läßt sich leicht argumentieren, daß gerade dies eine Schwelle zur Tyrannei darstellt,
wenn Menschen zwangsrekrutiert werden, d.h
gezwungen, unter Einsatz ihres Lebens
für eine Machtkonstellation zu kämpfen, ohne daß dabei ihre eigene Ansicht der Situation 
berücksichtigt würde.
Wenn aber eine derartige Einrichtung durch eine Volksabstimmung bestätigt wird,
bedeutet das einen bizarren inneren Widerspruch, der das demokratische Prinzip
hinsichtlich seiner geistigen Grundlage schwer belastet,
was nur dadurch
ein bischen entschärft ist, daß es die Option wahlweiser ziviler
Zwangsarbeit
gibt.

Wer hat noch nicht begriffen,
daß große Kriege nicht mehr gewonnen werden können ?
Die Menschheit kann nur überleben, wenn es uns (nebst vielem Anderen!) gelingt, 
geistig zu verhindern, daß es  jemals wieder dazu kommt.

Dem steht solche "Tugendausbildung" diametral entgegen.

Nötig wäre es, einen international vorhandenen, diesbezüglichen Konsens zu pflegen
und weiter auszubauen.


Für Katastropheneinsätze und dgl ist der ganze Spuk nicht erforderlich.
Fällt die Zwangsverpflichtung weg, ändert sich auch die Bedeutung
straffer Organisation, falls dies irgendwo sinnvoll sein sollte.
Dieser Bedarf ist im Grunde kein militärischer.

Falls aber die Beliebtheit idealistischer Wehrdienstverweigerer als Zivildiener
jetzt dafür herhalten soll, Reste jener gestrigen Mentalität zu retten,
ist das ein schändliches Argument.

 
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Obigen Text schrieb ich im Oktober 2012  und liess hier ist die ursprüngliche Fassung stehen,
obwohl ich jetzt die Notwendigkeit sehe, etwas klarzustellen:
Dieser Text ist keine juristische Abhandlung, sondern eher eine philosophische Stellungnahme.
Daß die Wehrpflicht juristisch sicherlich abgesichert ist, war mir schon klar, als ich diesen Text schrieb,
deshalb wählte ich die Formulierung "im Grunde menschenrechtswidrig".
Im Text der Europäischen Menschenrechtskonvention (1950 ff) sind vom Verbot der Zwangsarbeit
ausdrücklich ausgenommen:
Arbeit von Strafgefangenen, Militär-u Ersatzdienst, Katastrophendienst, übliche Bürgerpflichten.
Diese Konvention wurde recht zögerlich ratifiziert und wäre ohne allerlei Ausnahmen
wohl nicht zu Stande gekommen.
In der UNO-Menschenrechtskonvention fand ich, zumindest im Haupttext,
der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" (Resolution der Generalversammlung 1948)
keine solche Differenzierung, bei sonst sehr ähnlichem Text. 

Das allgemeine Empfinden bezüglich etlicher Themen  ist im Wandel, ein anderes Beispiel ist
die schwindende Akzeptanz der Todesstrafe. Leute, die diese gutheissen, sehen sie oft als
unverzichtbare kollektive Selbstverteidigung od legitime Befriedigung.
Während eine Steinigung durch eine aufgebrachte Menschenmenge heute vermutlich
ohne Widerspruch als Mord gesehen würde.
Die Forderung eines Machthabers "cuius regio eius religio" (es gilt die Religion des Machhabers)
stiesse heute in den meisten Weltgegenden auf verständnisloses Kopfschütteln.

Daß sich bezüglich solcher Fortschritte allgemeiner Konsens durchsetzte, wurde meist durch lange,
mühsame und schmerzliche Prozesse erreicht.
In diesem Sinne hoffe ich, daß, nach dem Entsetzen der beiden Weltkriege, es auch gelingen wird,
Wehrpflicht sowie militärische Begeisterung, weiterhin zurückzudrängen.
Dies findet ja tendentiell statt, hat sich aber noch nicht allgemein und überall durchgesetzt.

Also ist es auch legitim, die Ausnahmen in der Menschenrechtskonvention zu beleuchten und
eine über diese Konvention hinausgehende Meinung zu äussern, zumal gerade ein demokratischer
Entscheidungsprozess stattfindet, betreffend eine solche Ausnahme (Wehrpflicht).

Wenn es erst einmal einige Generationen lang nicht mehr vorkommt, daß junge Leute einfach
einberufen werden oder in den Krieg geschickt, wird hoffentlich die historische Erinnerung daran
als graue Finsternis vergangener Zeiten empfunden werden und  in weiterer Folge die Welt
den Unsinn des Krieges überhaupt irreversibel hinter sich gelassen haben.
Angesichts all der bisher erreichten zivilisatorischen Fortschritte erscheint auch dies
als ganz realistisches, notwendig anzustrebendes Ziel. 

Im Übrigen fände ich es angebracht und gerechtfertigt, bzgl der Verbreitung von und Begeisterung für
agressive Computerspiele u dgl mässigend einzuwirken.

   
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